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Rede von Prof. Wolfshohl, Patientenvertreter Oktober 2006 in Nürnberg

Vortrag anlässlich des ersten nationalen Aktionstages der Hausärzte am 17. Oktober 2006 in Nürnberg
(Prof Ernst Otto Wolfshohl, Vertreter der Patienten und Versichertenselbsthilfe/ GRAUE PANTHER)

"Selbst chronisch krank, (Insulinpflichtiger Diabetes und Morbus Bechterew) bin ich als Vertreter der Patienten- und Versicherten- Selbsthilfe insbesondere der Grauen Panter beauftragt worden, hier auch heute Solidarität zu bekunden.

Liegt es doch in unserem ureigensten Interesse, dass Ärzte uns frei von bürokratischen Eingriffen behandeln können.

Dies hätte mit einer Gesundheitsreform, die die bestehenden Strukturen von Grund auf neu erfunden hätte, gewährleistet werden können. Es hätte nur Mut und Sachverstand gebraucht. Dachten wir doch dass, wenn überhaupt, eine große Koalition, die zudem noch die Mehrheit der Länder hinter sich weiß, alle Macht in den Händen hätte, etwas Vernünftiges zu Stande zu bringen. Stattdessen ging es nur um Partei und Karriereinteressen:
Wer würde wohl als erster sein Gesicht verlieren und in der Wählergunst sinken?
Bloß keine Wahlzusage brechen!

Also musste nur der Schein gewahrt werden, als seien die völlig inkompatiblen Modelle beider Koalitionsparteien zu einem Kompromiss zu führen.
Liebe Politiker das Beste wäre gewesen, alles zu vergessen, was Ihr versprochen habt und unvoreingenommen an die Sacharbeit zu gehen.

Was haben wir für ein Problem? In einer alternden Gesellschaft steigen nun einmal die Kosten für die Gesundheit. Wir werden mehr Geld dafür ausgeben und vielleicht weniger Kühlschränke kaufen, aber dafür Arbeitsplätze im Gesundheitswesen schaffen.

Warum aber darf nicht mehr Geld ausgegeben werden? Weil wir bisher alles Geld Lohn- d.h. Arbeitskosten- bezogen eingesammelt haben, die Arbeitskosten aber wegen des internationalen Wettbewerbs nicht weiter steigen dürfen.
Das würden wir mit Arbeitslosigkeit bezahlen. Also muss das Geld anders eingesammelt werden, z.B. Einkommens- bezogen dann bezahlt eben der Kapital- und Miet- Ertrag mit.
Unsere Umfragen bei mittelständischen Firmen zeigen, dass diese bereit sind, selbst höhere Beiträge zu leisten, wenn diese erst dann fällig werden, wenn man Erträge eingefahren hat, statt von vornherein Arbeitskosten zu erhöhen. Im Übrigen, unsere Beiträge zu dem Umlageverfahren erhöhen das Bruttoinlandsprodukt nicht, echte Versicherungsbeiträge würden dagegen zu einem Wirtschaftswachstum führen, das sich sehen lassen könnte.
Die Solidarität des Kapitals hätte dazu den Charme, dass das Kapital zwar zahlen würde, aber keine Leistungen in Anspruch nehmen könnte.

“Ahh Steuerfinanzierung, Staatsmedizin“, höre ich es rufen. Nein, es sollen keine zusätzlichen Steuern erhoben werden und der Staat soll auch nicht die Leistungserbringer einstellen. Es soll ein Versicherungsbeitrag sein, der dazu führt, dass zu erwartende Risiken bewirtschaftet werden. Ein Beitrag, in echte Versicherungen eingezahlt, die dem Staat jede Verfügungsgewalt entziehen.

Die sich bisher in irreführender Weise „Versicherung“ nennenden Kassen sind ja keine, es handelt sich um Umlageverfahren, die das eingesammelte Geld nur umverteilen, die ihr tatsächlich zu verwaltendes Risiko nicht einmal kennen.
"Gerecht“ soll das eingesammelte Geld verteilt werden. Das aber geht immer dann schief, wenn weniger eingesammelt wird, als verteilt werden muss. Dann geht es nur noch darum, wen man als Feindbild aufbauen und dann „bestrafen“ kann, damit man einen Vorwand hat, diesem "Feind " gegenüber ungerecht zu werden.

Mit Feindbildern kann man auch auf Wählerstimmenfang gehen um den Preis jeder Solidarität in unserer Gesellschaft.
Wir sind hier, um zu bekunden, dass wir uns das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Patient und Arzt durch solche Propaganda nicht zerstören lassen.

Hausärzte sind unsere Partner, wenn es darum geht, wie wir, mit chronischen und oft unheilbaren Krankheiten, unsere Lebensprobleme lösen können, um weiter unserer Arbeit und unseren familiären Verpflichtungen nachzukommen.
Wenn Sie unsere Case- Manager sind, werden wir so lange wie möglich sozial integriert sein und indem Sie uns zeigen, wie wir mit ihrem ärztlichen Beistand in den uns doch unsere Erkrankungen gesetzten Grenzen arbeiten und leben können.

Hausarzt- Modelle zeigen bereits ihre ersten Erfolge. Sie haben auf unseren Wunsch hin Geriatrie in ihre Fortbildung aufgenommen, eine völlig neue Weise zu behandeln: Alte Menschen zeigen oft so viele Symptome, dass je nach fachlicher Brille daraus die unterschiedlichsten Krankheitsbilder zu lesen sind.
Es scheinen gleichzeitig viele Krankheiten vorzuliegen, die, wenn sie alle behandelt werden zur Multi- Medikation führen, auch wenn einige der gefundenen Krankheitsbilder patho- physiologisch gar nicht vorhanden sind. Das führt dazu, das gegebene Medikamente zwar wirken, nicht aber da, wo sie wirken sollen, der vermutete Wirkort ist ja nicht vorhanden. Wirken sie an anderer Stelle, sind diese Wirkungen unerwünscht, ja selbst die Pharmaindustrie fürchtet um die Gabe ihrer Medikamente, wenn diese ohne Grund gegeben werden und dann bereits bei der Zulassung bekannte "Nebenwirkungen" durch Fehlverordnungen enthalten.
Diese unerwünschten Wirkungen führen dann der Regel zu Verordnungen weiterer Präparate.

Das geschieht nicht, wenn, wie bei geriatrischer hausärztlicher Behandlung nicht irgendwelche Krankheitsbilder im Mittelpunkt stehen, sondern das Leben, dass der Patient führen will.
Sie helfen, das, was er unter Lebensqualität versteht, möglich zu machen.
Gilt es dann schwerere Brocken aus dem Wege zu räumen, so wird der Spezialist hinzugezogen.
Das Schaffen von Lebensqualität spart Ausgaben, es fordert aber auch den Neid Versicherter heraus, die das von ihnen zwangsweise eingesammelte Geld nicht in die Lebensqualität anderer investiert haben wollen. Man bekommt aber immer nur das, was man bezahlt.
Zahlt man für Krankheit, so bekommt man sie, zahlt man für Lebensqualität, so geht es den Menschen besser.

Seien Sie Partner für unsere Lebensqualität. Bleiben Sie uns erhalten, fordern sie mit uns von der Politik, dass sich Arbeits und Lebensbedingungen für Sie so ändern, dass ihr Beruf für den Nachwuchs attraktiver wird, dass es keine Abwanderung von Ärzten ins Ausland geben muss. Hausarztmodell und Geriatrie werden unnötige Kosten im Gesundheitswesen vermeiden. Verwaltung wird Kosten nicht eindämmen können ohne unsere Lebensqualität zu beeinträchtigen.
Lassen Sie uns so viel Verwaltung wie möglich streichen, das spart, ohne uns weh zu tun.
Verwaltung heilt nicht!

Vernunft aber lässt sich in unserem Staat, der eher eine Bürokratie als eine Demokratie ist, schon deswegen schwer durchsetzen da in allen unseren 17 Parlamenten mehr als 60 Prozent der Abgeordneten grundgesetzwidrig aus dem öffentlichen Dienst kommen (entsprechendes Gutachten der FU Berlin liegt vor) die Exekutive sich also selbst kontrolliert.
Nicht einmal böser Wille ist es also, wenn Parlamentarier, die aus der Verwaltung kommen, immer nur Verwaltungs- Lösungen entwickeln und auch nur diese verstehen.
Patienten spielen in unserem Gesundheitssystem keine entscheidende Rolle, angeblich geht es um sie, sie dürfen aber nicht mitspielen, weil sie zu "dumm" sind, sich selbst vertreten zu können.
Das glauben dann die Kassen für uns wahrnehmen zu müssen, die eigentlich nur unser Geld verwalten, sich aber durch eine angeblich gewählte, in Wirklichkeit aber durch Gewerkschaftslisten besetzte Selbstverwaltung zu unserer Vertretung berufen fühlen.

Immer schon hat Verwaltung sich Macht verschafft, indem sie vorgibt, Fürsorge betreiben zu müssen, für Menschen, die angeblich dies für sich selbst nicht tun können.

Ich sage Ihnen: "Es gibt keinen Patienten, der das, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, nicht nachvollziehen und verstehen kann"! Dass wir „dumm“ erscheinen, liegt an Fehlinformationen, Etikettenschwindel, und an der durch die in unserem Gesundheitswesen streitenden Akteure verursachte komplexe Aufgeblasenheit unseres Gesundheitssystems.
Es geht nicht darum dass wir es verstehen, sondern darum, es so einfach zu machen, dass es keines großen Aufwandes bedarf, es zu durchschauen.
Erbringen sie ihre Leistung. Lassen Sie sich diese in Euro und nicht in „Punkten“ bezahlen!

Wir wollen nicht dass sie umso weniger pro Leistung bekommen, je mehr sie tun, aber auch nicht, dass dann die Anzahl der notwendigen Leistungen beschränkt wird.

Stellen Sie uns Ihre Rechnung so aus dass wir sie verstehen und kontrollieren können. Wir geben sie dann unseren Kassen zur Bezahlung weiter.
Wir sehen dann was wir für Kosten bewegen.

Lassen Sie uns auf dieser Grundlage einen Vertrag schließen, dass wir gemeinsam Überflüssiges und nicht Notwendiges vermeiden!

Hoffentlich bleibt dies kein Traum, wie der von der Steuererklärung auf dem Bierdeckel."


(Rede von Prof. E.O. Wolfshohl, Patientenvertreter, am 17.10.2006 beim Hausärzteprotesttag in Nürnberg)